Das Manifest. Der Manifestierende

28. April 2008, 19.00 Uhr

Vortrag & Lesung in der Alten Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien)

 

DAS MANIFEST
DER MANIFESTIERENDE

zum intentionalen und performativen Impetus von Texten

Der Schriftsteller als „Fleisch gewordenes Wort", die Installation seiner selbst als sprachlich vermittelte Skulptur, als kreatürlicher Akt. Die performative Dimension der Sprache. Verkörperung im Text. Eine Demonstration. Das Prinzip der Verausgabung und der expressionistische Duktus der Verkündung. Das Motiv des Manifestes und der Inschrift. Das Ausloten des performativen Charakters von Texten als eine Form des Proklamierens und Postulierens. Schließlich, der körperlich-materielle Charakter von Texten.
Manifeste sind mehr als nur sprachliche Kommunikation, sie kommen einer Sakralisierung von Text und Tun gleich, einer Personifizierung durch den Agierenden/Manifestierenden, eine körperliche Einschreibungen, eine Verkörperung (in Raum, Gebäude, Präsentation, Bild, Schrift). Die Bezeichnung eines Textes als Manifest ist eine diskursive Strategie. Gibt Auskunft darüber, wie der Autor des Manifestes sich zu diesem Text verhält.
Der performative Impetus von Manifesten sowie deren Intentionalität machen die Konzeption des Manifestierenden aus, sich an die Wand zu stellen ergibt die Schnittstelle Literatur/Performance/Intervention/Installation. Sich tatsächlich auszusetzen, das existentielle eines Textes vermittelnd. Der Körper der zum Zeichen wird, die Gerichtetheit kognitiver Akte, eine Vorstellung muss immer eine Vorstellung von etwas sein, eine Gedanke muss immer an etwas gewendet sein ...

Manifeste sind intentional, sie dienen ganz konkret der Wirklichkeitsgestaltung, bemühen sich um eine explizite Botschaft. Es sind doktrinäre unduldsame Texte, die Verweigerung traditioneller Kommunikation, Stellungnahme in ihrer radikalen Subjektivität, ihrer Unbedingtheit. Bisweilen ein vor die Füße werfen. Einen Text als Manifest „auszuschildern" bedient sich ferner der Suggestivität von Sprache. Pathos und Anspruch, Bekenntnischarakter, utopisches Wollen als Existenzgrund. Taktiken der Konfrontation deklinieren. Sätze als kraftvolle Hymnen!

Im Ausloten der Intentionalität von Texten und ihrem inhärent performativen Impetus stellt sich die Aufgabe, die Distanz zwischen Sprache und Installation, Sprache und Bild, Abstraktion und Gegenständlichkeit zu negieren - eben aufs Ganze zu zielen.


Das Manifest

Manifeste sind im Kern eine Art Grundsatzerklärung, Proklamation, Aufruf, Erklärung, Deklaration, Forderungskundmachung - die Form des Proklamierens und Postulierens als Mittel zur Intervention, fußend auf den drei Säulen Kundmachung (Programmatik), Kenntlichmachung (Präsentation) und Entäußerung (Engagement).

 

Der intentionale Impetus von Manifesten

Manifeste wollen eine neue Realität erschaffen und die darin utopische Dimension offenbaren. Sie sind einerseits Ausdruck des Denkgebäudes des jeweiligen Autors, andererseits die bisweilen auch enge Verbindung zum aktuellen Geschehen. Ein Manifest bezieht sich in der Regel auf ein konkretes Ereignis, das bevorsteht oder kurz vorher passiert ist - und formuliert die diesbezügliche Position des Autors. Dieser wartet mit einer Programmatik auf und versucht das Publikum zu überzeugen.

Manifeste haben ein hohes Maß an revolutionärer Energie, gleichsam einem hoheitlichen Akt folgend in einen Aufruf mündend, an jemanden gerichtet. Die Bezeichnung eines Textes als „Manifest" besitzt Signalcharakter für die Rezeptionssteuerung und hebt die Bedeutung der Texte hervor. Manifeste sind doktrinäre und unduldsame Texte, die die vorbehaltlose Zustimmung ihrer Zuhörerschaft/Leserschaft fordern, sie sind grundsätzlich hermetischen Charakters. Die Besonderheit ihrer Kommunikation liegt nicht zuletzt in ihrer Konzeption als Ganzheitsentwurf, dem bejahenden Elan, dem radikalen Akt, und der sich mit der politischen und gesellschaftlichen Ordnung in Verbindung bringenden grundlegenden gesellschaftlichen Intention.

 
Stoßkraft und Signalcharakter von Manifesten

Stoßkraft und Signalcharakter des Manifests sind aktivistisch geprägt: Anstoß nehmen! Manifeste operieren an der Grenze zwischen Kunst und Leben, berauschend durch die Radikalität und Phantasie einer Person, die Offenbarung eines Willens - per Manifest Stellung beziehend. Das Manifest als politische Textform, als philosophischer Gewaltstreich zeichnet sich durch Kühnheit aus. Die Rhetorik des Manifests ist revolutionärer und pathetischer Natur bis hin zur doktrinären Kampfschrift. Die große Lust etwas auszuschildern. Einen Machtanspruch stellen. Die Kraft der Behauptung. Ein mit jeder Phase ästhetisches Produkt!


Textlinguistische Merkmale

Textlinguistische Merkmale sind dann folgerichtig ein affirmativer Charakter der Sprache, Polarisierung, Verwendung des Futurs in seiner bspw. imperativischen (Befehls)Funktion, verkündender Tonus, Schlagworte, das Verwenden eines kämpferischen und militärischen Vokabulars, gewalttätiges Vokabular, Superlative und Hyperbel, imperativischer und apodiktischer Stil um appellative Wirkung zu erzeugen. Einprägsame, sich steigernde Aufzählungen und Reihungen, die zudem häufig nummeriert sind. Die Intention ist, den Zuhörer/Leser von einer Sache vollständig zu überzeugen - und die „andere" Seite negativ aufzuladen. Polare Denkmuster gegen ein sowohl-als-auch (gegen inhaltliches Vakuum). Eine auf emotionale Aufladung zielende Stilistik.


Manifest und Utopie
 
Manifesten und Utopien ist eigen, dass sie einen hohen Grad an Reduktion von Komplexität im gesellschaftlichen Bereich abbilden, sie fühlen sich dem Moment des Totalitären verpflichtet. Es sind dies idealistische Entwürfe ein utopisches Ausgreifen über die Wirklichkeit hinaus, utopischer Überschwang als Antriebskraft. Der Manifestierende ist einer, der ausschließlich auf Basis seiner subjektiven Präferenzen handelt, dass seine Maxime ein allgemein akzeptierter Prima-facie-Handlungsgrund würde.
Wirkliche Utopien sind weder harmlos noch erbaulich, sie treffen in ihrer Realisierung unweigerlich auf eine unüberwindliche Barriere. Interessant ist die ungeheure auch gewalttätige Kraft die in Utopien steckt - und dieser Aspekt lässt sich in Sprache und Bilder übersetzen. Wirkung und Wirklichkeit der Utopie verdanken sich ihrem manischen Enthusiasmus: Gewalt Liebe Sehnsucht. Utopisten verwandeln sich in Amokläufer, echte Utopisten zünden schlagen auf die Wirklichkeit ein. Eine Utopie ist manisch inspiriert, ein an Ort und Stelle wirkliches Ereignis: das Schöne und der Schrecken, Folter und Beglückung, erschauern und erschrecken, erschaudern. Utopie wird als „heilige" Idee wahrgenommen. Auf die anwesenden Schauenden läuft dies über, sie erleben dies in einer kathartischen Erschütterung. Erkören! Utopien die blitzartig in eine Wirklichkeit einschlagen brauchen die geeigneten Zustände/Umstände/Verfasstheit der Anwesenden. Zudem: Utopie als Vorstellung von etwas das fehlt.
Der Entwurf einer Utopie ist unabhängig und ohne Rücksicht auf die Möglichkeit seiner Realisierung gestaltet. Konkrete Rückbezüge fehlen, die Frage der Realisierung wird gar nicht erst gestellt. Sie ist als Sehnsucht reflektiert. Ein intentionaler Text!


Der Kommunikationsaspekt, das Manifest als Sprechakt

Das „ich" des Autors verlangt nach einem „ihr" - die Zuhörerschaft/Leserschaft wird so indirekt angesprochen und zu Reaktionen aufgerufen, resp. provoziert, wodurch ein neues Verhältnis zwischen Autor und Publikum entsteht. Wichtig ist die Vehemenz, mit der diese Überzeugungen vorgetragen werden, sie erzeugen eine gewisse Spannung die Ausdruck des formal manipulativen Charakters (und seiner Möglichkeiten) von Manifesten ist! Der Autor droht darin permanent über sein Ziel hinauszuschießen. Es kommt weiters zu einer scharfen Polarisierung von Gewolltem und Verneintem.
Die wichtige kommunikative Rolle ergibt sich aus der Integration in den allgemeinen Prozess gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Über den kommunikativen Prozess der programmatischen Auseinandersetzung hinaus kann das Manifest den Charakter konkreter Handlungen annehmen. Es ist das schöpferische Bekenntnis des Autors als Mittler zwischen seiner Persönlichkeit und seinem geistigen Dynamismus - in ihrem Wesen also eine ureigene Form der Selbstdarstellung. Das Manifest selbst ist ein revolutionärer avantgardistischer Akt. Die Verweigerung von traditioneller Kommunikation. Farbe bekennen.
Die Nähe des Manifestes zur Aktion und durch die oral-auditive Vermittlung von Texten, wird die Intentionalität von Manifesten ins Werkt gesetzt, oszillierend zwischen verstärktem publizitären Impetus und eventuell gar rituellem Charakter. Die Öffentlichkeit der Manifeste bestimmt sich bereits aus der Tradition der Gattung als so breit wie möglich. Entsprechend sind auch die Mittel der Verbreitung dieser Texte (Flugblatt, Abdruck in Zeitungen und Zeitschriften, das Plakat etc.), das Manifest zielt auf die Masse ab, auf den direkten Kontakt, die Verkündung in der Öffentlichkeit.

Das Pathos, das der performativen Äußerung von Manifesten inhärent ist, reklamiert eine bestimmte Autorität respektive bringen sie den Anspruch darauf zum Ausdruck.
Dinge mit Worten tun wollen!


Der Manifestierende

Als Manifestierender bin ich eine, die „den Leib als physischen Träger" buchstäblich nimmt, das eigene Ich, den eigenen Körper und die eigene Seele zum Austragungsort literarischer Entwürfe macht. Eine die das Körperliche und die Haptik in der sich Wörter übertragen können interessiert. Rhythmus. Das Prinzip Verausgabung.
Es geht mir darum, inhaltliche Schutzsituationen zu verlassen. Aus ihnen herauszutreten. Auslieferung. Geläufige Wahrnehmungen nachdrücklich irritieren. Die Suche nach einem absoluten Standpunkt. Kein Abwägen. Kein Dafür und Dagegen. Letztlich, sich jenseits jeglicher Moralität verorten.

Sich in einer Utopie verorten. Die Utopie als Sehnsucht reflektiert. Ich als Autor/Künstler bin folgerichtig Sehnsuchtsort, Sehnsuchtsfigur. Stelle mich zur Verfügung, exponiere mich. - Und verlange im Gegenzug: Hingabe.


Literatur zum Thema:
Asholt, W. & Fähnders, W. (2005). Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde. Stuttgart.
van den Berg, H. & Grüttemeier, R. (Hrsg.) (1998). Manifeste: Intentionalität. Amsterdam.
Fischer-Lichte, E. (2004). Ästhetik des Performativen. Frankfurt.
Malsch, F. W. (1997). Künstlermanifeste. Studien zu einem Aspekt moderner Kunst am Beispiel des italienischen Futurismus. Weimar.
Nancy, J.-L. (2003). Corpus. Berlin.

Michaela Falkner
Alte Schiede, Wien; 28.04.2008

Bücher

Du blutest, du blutest Du blutest, du blutest

A Fucking Masterpeace Kaltschweißattacken

A Fucking Masterpeace A Fucking Masterpeace

Falkner II Falkner II

+ Sie können die Bücher über amazon bestellen.

+ Es besteht aber auch die Möglichkeit der persönlichen Zustellung:
In diesem Fall überbringe ich selbst ihnen das Buch egal wann und wo auf der Welt. Sie schlagen mir die Bedingungen die Lokation den Erdteil die Stadt was auch immer vor versuchen mich dafür zu begeistern ich sage zu und sie kommen für die anfallenden Kosten auf ...